Dr. Christina Dreier-Schöpf
Fachtierärztin für Kleintiere
ÖTK-Diplom Kleintieronkologin
Tierklinik Dreier-Schöpf, Baden

 

Vet-Journal Ausgabe 07-08/2018

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Begleitung der Tierhalter – bei onkologischen Erkrankungen ihrer Tiere

 

Für die tierärztliche onkologische Beratung und Begleitung ist es wichtig, Akzeptanz, Respekt und Wertschätzung dem Tierhalter gegenüber zu zeigen. Ein authentisches, echtes Verhalten ist dabei sehr hilfreich.

 

Wichtig ist es, den betroffenen Tierhaltern Kriterien zu nennen, wann keine Lebensqualität für das Tier mehr ermöglicht werden kann, Bedingungen für ein würdiges Einschläfern zu schaffen und den Tierhaltern die Möglichkeit für Vorbereitungen und Rituale zu geben.

Die Diagnose Krebs ist für viele Tierbesitzer gleich­bedeutend mit dem baldigen Verlust ihres Tieres. Für die einen ist an diesem Punkt rasch klar und beschlossen, dass sie ihr Tier nicht mehr behandeln lassen möchten, und die Entscheidung zum Einschläfern wird rasch und ohne lange Vorbereitung getroffen. Für die anderen ist ihr Tier Kinderersatz, treuester Partner und/oder gleichwertiges Familienmitglied und sie möchten in jedem Fall über Behandlungsoptionen informiert und beraten werden.Für persönliche Gespräche im Falle einer „Krebserkrankung“ stehen Kleintieronkologen zur Verfügung, die zu den Themen onkologische Operationen, Chemotherapien, Strahlentherapien und Palliativtherapien fundiert beraten können. Sie führen entsprechende Behandlungen durch und sind entsprechend geschult, um Tierbesitzer umfassend mit ihren Sorgen und Ängsten emotional aufzufangen.

Begleitung in der Phase der Diagnosestellung

Sind die Halter des betroffenen Patienten emotional sehr stark mit ihrem Tier verbunden, verursacht die Diagnosestellung oft ein tiefes Schockgeschehen. Die Tierbesitzer finden keine Sprache, empfinden Gefühle des Verdrängens und Verleugnens und verweigern dadurch momentan den Kontakt zu ihrem Umfeld. In dieser Phase muss man den Betroffenen Zeit geben. Daher ist es unabdingbar notwendig, seinen zeitlichen Rahmen zu kennen und die Gespräche zur Diagnose terminlich gut zu planen.

Für die weitere Diagnostik und Therapie ist es wichtig, über die Familiensituation der Tierbesitzer, ihre Hoffnungen, Ängste, Interessen und Ziele zu sprechen. Diese Aussagen helfen den Tierhaltern bei der Entscheidung über mögliche Behandlungen. Dem Tierarzt helfen sie, einzuschätzen, ob der Tierbesitzer zuverlässig ist, wie seine gesundheitliche und seelische Verfassung sowie seine soziale und finanzielle Lage ist und ob er ausreichend Zeit und Engagement zur Verfügung stellen kann.

Bedürfnisse und Gefühle der Betroffenen

Tierbesitzer erwarten ehrliche und offene Informationen, sie wünschen die Wahlmöglichkeit der Therapie, aber auch die Akzeptanz ihrer Therapieentscheidung. Sie möchten selbst etwas tun und zum gegebenen Zeitpunkt die Kriterien für die Entscheidung zum Einschläfern kennen. Betroffene benötigen jemanden, der ihre Unsicherheit aushält, der das Schluchzen und Weinen erträgt und der am Ende zusehen kann, wie der Kampf ums Leben verloren wird. Die Gefühle der Tierbesitzer sind vielfältige, und doch wiederholen sie sich immer wieder.

Es sind Gefühle der Angst, sie stellen sich die Sinnfrage, haben den Wunsch nach Wahrheit, leiden unter Schuld­gefühlen und geben Schuldzuweisungen. Sie erleben Hoffnung, aber auch Hilflosigkeit, fühlen sich überfordert, sind ratlos, verzweifelt und fürchten die Ungewissheit. Diese Gefühle müssen wir wahrnehmen und eine Atmosphäre schaffen, in der es den Tierbesitzern möglich wird, die Angst auszusprechen und zu benennen. Wir müssen gleichzeitig verhindern, dass die Angst zur Panik wird, zuhören und sensibel erfragen, welche Sorgen besonders quälend sind. Bei all dem ist es wichtig, selbst ruhig zu bleiben und sich nicht anstecken zu lassen.

Im Sinne von Albert Camus, einem der bekanntesten Existenzphilosophen des 20. Jahrhunderts, sind wir gefordert, unseren Tierbesitzern trotz momentan empfundener Sinnlosigkeit Mut zu machen. Sie sollen auf all die wertvolle gemeinsame Zeit mit ihrem Tier zurückblicken und verstehen, dass es Sinn macht, dem Tier eine Chance zu geben. Wir sollten sie darüber aufklären, dass eine klare Diagnostik helfen kann, die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Behandlung zu beantworten. Ebenso müssen wir Aufklärung darüber geben, dass eine gute Lebensqualität auch während der Behandlungen essenziell ist und Vorrang vor einer langen Lebenszeit hat. Viele Nebenwirkungen lassen sich durch begleitende Medikamente auf ein Minimum reduzieren.

Dem Wunsch der Tierbesitzer nach Wahrheit müssen wir unbedingt nachkommen. Gleichzeitig ist es unumgänglich, abzuwägen, wie viel Information zur Krankheit ihres Tieres die Tierbesitzer zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Umständen verkraften und verarbeiten können.

Schuldgefühle und Schuldzuweisungen treten bei fast jedem Betroffenen, manchmal nur im Ansatz, manchmal aber auch sehr heftig auf. Wir Tierärzte müssen bei diesen aktiv zuhören und das Gesagte wiederholen, ohne zu werten oder zu verurteilen. Wir dürfen Schuldzuweisungen ohne Hintergrund nicht persönlich nehmen, sollten diese aber in jedem Fall sachlich ruhig richtigstellen und dürfen dabei die Geduld nicht verlieren.

Ein weiteres großes Thema für Betroffene ist die Hoffnung. Aus der ursprünglichen Hoffnung „bis ans biologische Lebensende“, wird die auf Heilung, wenn diese nicht mehr in Aussicht gestellt werden kann, die Hoffnung auf ein schmerzfreies, langes Leben trotz Krankheit und zuletzt die Hoffnung, die Entscheidung zum Einschläfern nicht treffen zu müssen. Unsere wichtigste Aufgabe als Tierärzte ist es, realisierbare Hoffnungen und Wünsche zu unterstützen, bei der Findung neuer, abgeänderter Hoffnungen zu helfen, aber dennoch keine unrealistischen Hoffnungen zu wecken. Gerade in diesem Aspekt gehen die Möglichkeiten und damit auch die Einschätzungen des Haustierarztes und der Fachtierärzte oftmals auseinander. Was dem Haustierarzt oft nicht mehr sinnvoll erscheint, ist für den Spezialisten ein durchaus gangbarer Weg.

Es gibt hier kein „richtig“ oder „falsch“, aber die Notwendigkeit, die Tierbesitzer über die Möglichkeiten zu informieren. Für die einen ist der abgekürzte Weg, gemeinsam mit ihrem Haustierarzt, der richtige, andere wieder möchten die Therapiemöglichkeiten eines Onkologen nützen. In beiden Fällen sollten die Betroffenen Informationen sowie die Wahlmöglichkeit der Therapie bekommen, und von ihren Tierärzten die Akzeptanz ihrer Therapie­entscheidung. Essenziell ist es auch, herauszufinden, wie die Tierbesitzer zum Schritt des Einschläferns stehen. Für manche ist es ein unumgänglicher, notwendiger und auch erleichternder Schritt für ihr Tier und sich selbst.

Andere empfinden diesen Schritt als Verbrechen und fühlen sich nicht in der Lage, die Entscheidung zu treffen. Gerade diese Tierbesitzer benötigen für ihr Tier eine individuelle Palliativtherapie mit guter Aufklärung über die Pflege und ausreichend Beratung, was den Betroffenen dann oftmals doch hilft, den letzten Schritt zu setzen.

Erforderliche Sozialkompetenz des betreuenden Tierarztes

Für die tierärztliche onkologische Beratung und Begleitung ist es sehr hilfreich, wenn man sich mit der eigenen Sterblichkeit, den eigenen Ängsten vor dem Sterben, dem Verlust einer wichtigen Person und dem Verlust eines Tieres auseinandergesetzt hat und dadurch Verständnis für andere entwickeln konnte. Akzeptanz, Respekt und Wertschätzung für die Tierhalter sowie ein authentisches, echtes Verhalten sind nötig. Eine ungeduldige Körperhaltung kann freundliche Worte rasch verblassen lassen. Entsprechend müssen wir uns selbst in unserer Mitte befinden, um den Tierbesitzern Empathie entgegenzubringen, aber auch, um die notwendige Distanz zur Abgrenzung halten zu können.

Ein gutes Zeitmanagement, bei dem weniger die Quantität als die Qualität zählt, mit gleichzeitig entsprechender Zeitverrechnung, ist nötig, um den Betroffenen ausreichend Geduld entgegenbringen zu können und gleichzeitig die eigenen Kräfte zu erhalten. Wesentlich beim Begleiten ist es, auf die eigenen Ressourcen, auf die Symp-tome des eigenen Körpers, belastende Gefühle, negative Gedanken und seine Verhaltensweisen sich selbst und anderen gegenüber zu achten.

Begleitung der Tierbesitzer auf der letzten Lebensstrecke ihres Tieres

Die Entscheidung und die Wahl des richtigen Zeitpunkts sind für viele Tierbesitzer sehr schwer. Beides hängt von der persönlichen Einstellung und Vorbereitung, dem persönlichen Umfeld sowie gesellschaftlichen, kulturellen und religiöse Aspekten ab. Warum und wann ein Tier eingeschläfert werden soll, hängt von der Einschätzung des Tierarztes, ob Schmerzen und Leiden nicht mehr behebbar und erheblich sind, vom Einsatz des Tierbesitzers für sein Tier und davon, ob noch Behandlungsoptionen, kurativ oder palliativ, für ein Weiterleben ohne unnötige Schmerzen und Leiden umgesetzt werden können, ab; -zuletzt auch davon, ob der Tierarzt dem Tierhalter zutraut und zumutet, die vorgesehene Behandlung zum Wohle des Tieres konsequent durchzuführen, und ob dieser mit der psychischen Belastung zurechtkommen wird.

Wichtig ist es, den Betroffenen Kriterien zu geben, wann die Phase beginnt, in der keine Lebensqualität für das Tier mehr ermöglicht werden kann, Bedingungen für ein würdiges Einschläfern zu schaffen und den Tierbesitzern die Möglichkeit für Vorbereitungen und Rituale zu geben.

Die in der Schweiz geborene und in den USA wirkende Ärztin und Psychologin Dr. Elisabeth Kübler-Ross stellte erstmals in den 1960er-Jahren beim Menschen regelmäßig verlaufende Sterbephasen fest. Diese bis heute gültigen Abschnitte des Sterbens können angepasst auch auf die Phasen der Begleitung eines chronisch kranken Tieres angewandt werden. Sie gliedern sich in fünf Abschnitte.

Die erste Phase ist die der Ablehnung („Nein, nicht mein Tier!“), die oftmals bei der Diagnosestellung eintritt. In dieser Phase ist es wichtig, den Menschen die Einhaltung eines Tagesrhythmus durch regelmäßige Medikationen und Fütterung ihres Tieres zu verordnen. Ebenso wichtig ist es, Solidarität zu zeigen und durch Zuhören die Situation zu erfassen. In manchen Fällen beginnt diese Phase erst dann, wenn das näherkommende Einschläfern angesprochen wird, und bei manchen Tierbesitzern beide Male. Die nächste Etappe ist die Auflehnung („Warum mein Tier?“), die sicherlich die schwierigste Situation für uns Tierärzte darstellt. Das ist die Zeit, in der wir mit möglichen Vorwürfen konfrontiert werden, die wir aber in keinem Fall persönlich nehmen dürfen. Lässt es sich für das Tier vertretbar vermeiden, sollte das Einschläfern nicht in dieser Phase erfolgen, denn sonst bleiben Zorn und Wut auf uns Tierärzte als Endpunkt bestehen.

Nach diesen ersten beiden Phasen kommt die Zeit des Verhandelns („Ja, aber …“), die die gefährlichste Etappe ist, um auf Wunderheiler hereinzufallen. Hier benötigt der Tierarzt Fingerspitzengefühl, um vor unrealistischen Hoffnungen zu bewahren, aber auch, um nicht den letzten Funken Hoffnung zu nehmen. Der betreuende Tierarzt muss alternative Wege zur Unterstützung und Hilfe-stellung bei ungelösten Problemen geben und ein offenes Ohr für die Sorgen und Ängste haben.

Der darauffolgende Abschnitt ist geprägt von der Trauer („Ja, mein Tier“), in dem oft längst zurückliegende Verluste für die Tierhalter wieder auftauchen. An dieser Station können wir den Tierbesitzern helfen, indem wir zuhören, ohne zu werten, und ohne den Versuch, den Kummer wegzutrösten. Dabei ist es essenziell, die Balance zwischen Zuwendung und empathischer Begleitung, aber auch notwendiger Distanz und emotionaler sowie zeit-licher Abgrenzung zu finden. Zuletzt kommt die Zeit der Annahme („Ja“), die mit Ruhe, aber auch Resignation in unterschiedlicher Ausprägung einhergeht.

In jeder einzelnen Phase dieses Prozesses ist es wichtig, den Tierbesitzer ernst zu nehmen, für die Betreuung Zeit und Geduld mitzubringen und Empfindungen nicht zu werten oder darüber zu urteilen. Als Begleiter auf dem Weg des letzten Lebensabschnitts unserer Patienten sollten wir über die Gesetzmäßigkeiten des Sterbens Bescheid wissen, um uns selbst und unsere Kräfte zu schonen.

Literatur

E. Kübler-Ross: Über den Tod und das Leben danach. 10. Auflage. Silberschnur Verlag, Güllesheim 2002
M. Specht-Tomann, D. Tropper: Bis zuletzt an deiner Seite; Begleitung und Pflege schwerkranker und sterbender Menschen, 2. Auflage, mvg Verlag, München 2010
E. H. Radinger: Dr Verlust eines Hundes – und wie wir ihn überwinden, 4. Auflage, Autorenhaus Verlag GmbH, Berlin 2015
G. Ogilvie: Providing compassionate healthcare in companion animals, Handout 5. Oncological congress Brno 2018
E. Dempewolf: Abschied nehmen – Trauer um ein geliebtes Tier, Fred & Otto Verlag, 2015

Frauen und Männer mögen sich gleichermaßen angesprochen fühlen, auch wenn im Sinne einer besseren Verständlichkeit entweder die männliche oder die weibliche Form verwendet wird.

Haustierwissen

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Danke

Liebe Frau Dr. Dreier-Schöpf und Team, ich konnte diese Zeilen über Daisy erst jetzt schreiben. Sie zu verlieren, hat schrecklich weh getan. Wir danken Ihnen